Editorial

Zum Programm 2021


Liebe Freundinnen und Freunde des Travejazz Festivals,

 

vom großen amerikanischen Komponisten und Dirigenten John Philip Sousa ist der Satz überliefert: Der Jazz wird so lange existieren, wie die Leute ihn mit den Füßen und nicht mit dem Verstand hören.

 

Heute mag diese Aussage Sousas in vielen Ohren seltsam klingen, wird dem Jazz doch gerne nachgesagt nicht unbedingt Spaß und Vergnügen zu bereiten. Eher haftet ihm der Malus des Über-Intellektuellen und Elitären an. Die Fähigkeit eingängige Melodien formulieren zu können, wird ihm mithin gerne völlig abgesprochen und überhaupt ist diese sonderbare Musik in rhythmischer und harmonischer Hinsicht eigentlich nur mit einer turbulenten Fahrt durch die Wirbel einer Stromschnelle zu vergleichen. Diese Strapazen möchte man seinem Körper und Ohren doch gerne ersparen und hält folglich sicherheitshalber lieber gebührenden Abstand zu dieser eigentümlichen Musik. 

 

Dass der Jazz an diesen Wahrnehmungsblockaden nicht ganz unschuldig ist, darf historisch als Fakt gelten. Zunächst mit dem Bebop in den 40er Jahren und dann mit dem Freejazz in den 60er Jahren hatte sich diese Musik ganz bewusst Biotope geschaffen, die mit der reinen Unterhaltungsfunktion in den ersten Dekaden ihres Bestehens nichts mehr zu tun hatte. Jazz wurde so von einer Publikums- und Unterhaltungsmusik zu einer Angelegenheit für Experten. Die radikale Diskriminierung seiner Protagonisten, soziale und politische Verwerfungen, Überregulierungen im Kulturbetrieb und nicht zuletzt das starke Bedürfnis nach Selbstbestimmung und kreativer Freiheit hatten dazu geführt, dass der Jazz sich mehr und mehr in eine hermetisch abgeriegelte Isolation zurückzog und – bis auf wenige Ausnahmen - fast nur noch von den Auguren der Hochkultur goutiert und protegiert wurde. 

 

Diese Zeiten sind glücklicherweise längst vorbei und der Jazz ist – von den meisten Musikhörern nahezu unbemerkt – durchaus wieder mitten in der Gesellschaft angekommen! Die große Popularität des Acid Jazz ab dem Ende der 80er Jahre leitete ein Umdenken ein. Künstler*innen wie Sade, Working Week, Galliano, Us3, oder Incognito machten den Jazz wieder salon- und konsensfähig. Heute mischen Superstars wie Robbie Williams, Lady Gaga, Jamie Cullum, Beyoncé, Justin Timberlake oder Adele ihrer Musik ganz selbstverständlich jazzige Spurenelemente bei und helfen so mit, die Hörgewohnheiten auch und gerade bei einem jüngeren Publikum zu verändern. In den Clubs von Hamburg, Köln, Berlin oder Frankfurt ist dieses Genre längst wieder ultrahip und angesagt.

 

Dem Travejazz Festival ist die Fortführung dieses Prozesses ein wichtiges Anliegen und so haben wir auch in diesem Jahr wieder unser Bestes gegeben, um für Euch ein kontrastreiches und interessantes Programm zusammenzustellen.

Musikalische Vielfalt und ein Brückenschlag der Generationen erwarten Euch bei der mittlerweile schon siebten Ausgabe des Festivals. Deshalb möchten wir uns hier einmal sehr herzlich bei Euch für Eure langjährige Treue bedanken! 

 

Mit dem 78-jährigen Philip Catherine kommt ein europäischer Superstar der Jazzgitarre nach Lübeck. Der in London geborene Sohn einer Engländerin und eines Belgiers entdeckte mit vierzehn Jahren George Brassens und Django Reinhardt für sich und wurde bereits mit siebzehn Jahren Profimusiker. Catherine spielte und arbeitete im Verlauf seiner langen Karriere mit einer Vielzahl von Hochkarätern der Jazzgeschichte zusammen, u.a. mit Chet Baker, Dexter Gordon, Carla Bley, Larry Coryell, Charlie Mariano, Miroslav Vitous, Stéphane Grappelli, Biréli Lagrène und Charles Mingus, von dem er den Spitznamen „Young Django“ erhielt. He is one of the most accomplished and rewarding guitarists now playing jazz urteilte das amerikanische Fachblatt Down Beat über Philip Catherine. 

Beim Travejazz Festival stellt der ECHO-Jazzpreisträger 2016 sein neues Trio mit Nicola Andrioli und Sven Faller vor, der vielen von Euch noch vom Le Bang Bang-Konzert im vorletzten Jahr in bester Erinnerung sein dürfte.

 

Lisa Bassenge gehört nicht nur zu den herausragenden Jazzsängerinnen des Landes, sie ist sicherlich auch eine der mutigsten und neugierigsten Künstlerinnen der Branche. Längst ist ihr die Jazzschublade viel zu eng geworden und so begibt sich die Sängerin mit ihren Musikern immer wieder gerne auf Ausflüge ins Pop-, Folk- und Chansonfach. Zusammen mit ihrem dänischen Ehemann Andreas Lang am Kontrabass und dem schwedischen Pianostar Jacob Karlzon wird Lisa Bassenge ihr neues Album „Mothers“ vorstellen, das den Müttern der Populärmusik gewidmet ist und Stücke von Elizabeth Cotten, Irene Kitchings, Joni Mitchell, Lady Gaga, Billie Eilish und vielen anderen enthält.  

 

Ein ganz besonderes Konzerterlebnis wird sicherlich der Auftritt von Cosmo Klein & The Phunkguerilla werden. Der arrivierte Top-Ten-Songschreiber und Wahlberliner Klein wird mit seiner hochkarätig besetzten Band (u.a. mit Claus Fischer, bs, und Hanno Busch, g) das Programm Purple for Life präsentieren, eine unglaublich gelungene und mitreißende musikalische Hommage an Prince, den vor fünf Jahren verstorbenen genialen „Großmeister des Funk“. Dieses Konzert solltet Ihr auf gar keinen Fall verpassen! Partystimmung ist garantiert!

 

Die Nachwuchsförderung liegt dem Travejazz Festival sehr am Herzen und so bekommt im Rahmen des Festivals auch die Verleihung des Lübecker Jazzpreises wieder ihren wohlverdienten Platz. Dieser auf dem Entscheid einer Fachjury basierende und mit 1.500 Euro dotierte Förderpreis wird vom Jazzpool e.V. Lübeck in Zusammenarbeit mit den Preisstiftern Björn Engholm und Frank-Thomas Gaulin vergeben. Das Preisträgerkonzert wird sich am Sonnabendnachmittag an die Vergabe durch die Preisstifter anschließen.

 

Mit Wanubalé, dem Matti Klein Soul Trio,dem Orgeltrio The Drawbars, mit Soulcrane, dem Quartett des Kölner Trompeters Matthias Schwengler und dem Rostocker Quintett Destinesia präsentieren wir in diesem Jahr gleich fünf Formationen, die zwar allesamt am Anfang ihrer Karriere stehen, einige aber auf nationaler Ebene schon gewichtige künstlerische „Duftmarken“ setzen konnten. 

 

Das Berliner Nonett Wanubalé gewann 2018 im Rahmen der Düsseldorfer Jazz Rally den Sparda Jazz Award und gastierte bereits bei den Leverkusener Jazztagen. 

Der Pianist Matti Klein war bis zur Auflösung der Band Mo' Blow 2016 zehn Jahre Mitglied dieser vielleicht besten aller deutschen Funkjazz-Bands. Nun ist der umtriebige Pianist mit seinem Matti Klein Soul Trio am Start und es spricht bereits jetzt alles dafür, dass diese noch junge Band den Weg von Mo' Blow erfolgreich fortsetzen wird.

 

Der Besuch dieser Konzerte ist übrigens bis auf das Konzert von Wanubalé kostenlos!

 

Zum beliebten Nightjazz-Programm in St.Petri hat die Kirche in diesem Jahr das Duo CLEO & David Grabowsk ieingeladen, das aufregend mitreißende Interpretationen des Repertoires von Ella Fitzgerald und Joe Pass präsentieren wird. Zwischen 1973 und 1986 hatten Fitzgerald und Pass vier Alben für Pablo Records aufgenommen, die noch heute als die Blaupause für Jazzgesang mit Gitarrenbegleitung gelten. Selbstverständlich gibt es auch wieder das beliebte Turmkonzert am Samstagmittag.

 

Der Jazzgottesdienst in St. Jakobi muss aufgrund des geänderten Gottesdienstkonzepts für die Innenstadt leider entfallen. An seine Stelle tritt am Sonntag eine Jazzmatinee mit dem Saxophonquartett Q4 in St.Jakobi. 

 

Wir hoffen, dass wir Euch mit diesem Programm viel Freude und Kurzweil bereiten können und dass die Musik Euch - ganz im Sinne von John Philip Sousa - gehörig „in die Beine fahren möge“.  Es würde uns sehr freuen, Euch vom 09. bis 12. September beim 7. Travejazz Festival wieder begrüßen zu dürfen.

 

 

Euer Travejazz Team